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Lüttich-Bastogne-Lüttich für Jedermänner: Härter als bei den Profis

Ende April. 270 Kilometer, 4500 Höhenmeter. Ganz schön hart so früh in der Saison. Und mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und Regen noch härter. RoadBIKE-Chefredakteur Jens Vögele war bei dem Klassiker für Jedermänner am Start - einen Tag vor dem Profirennen auf derselben Strecke.

Zum Glück ist manchmal das Wetter besser als die Prognose. Denke ich mir zumindest morgens um 6, als ich mich aus dem Schlafsack im VW-Bus schäle. Den habe ich auf dem Parkplatz direkt vor dem Start der Jedermann-Version des Frühjahrsklassikers Lüttich-Bastogne-Lüttich geparkt. Und anders als angekündigt regnet es nicht. Und das ist gut so, zumal ich angekündigt habe, die 270 Kilometer auf der Originalstrecke der Profis nur dann fahren zu wollen, wenn es trocken bleibt.

Bleibt es auch. Ungefähr 30 Minuten lang. Am Start geht es wohltuend unaufgeregt zu, was vor allem daran liegt, dass es keine Zeitnahme gibt – die LBL-Challenge für Jedermänner hat RTF-Charakter. Nach den ersten Kilometern durch die Stadt mit vielen Ampeln im Samstagmorgenverkehr aber ist der Spaß schon vorbei. Es beginnt zu nieseln, was sich zunächst nicht allzu schlimm anfühlt, weil es bergauf geht. Allerdings wird genau das das Problem sein. Es geht die ganze Zeit bergauf. Oder bergab. Und der Regen wird immer stärker, die Temperaturen immer niedriger. Die Anstiege sind zu kurz, um richtig warm zu werden, die Abfahrten lang genug, um immer wieder richtig auszukühlen. Das Thermometer auf dem Garmin zeigt ein Grad.

Ich will umdrehen. Aber das ist eine absurde Idee.

RoadBIKE-Chefredakteur Jens Vögele war wie die 7500 Teilnehmer von Lüttich-Bastogne-Lüttich völlig durchnässt und durchgefroren.Foto: Jens Vögele

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In Bastogne, nach gut 100 Kilometern und 1600 Höhenmetern, bin ich mir zu gut 100 Prozent sicher: Ich steige aus. Doch dann erkenne ich das Problem. Es wären jetzt auch wieder 100 Kilometer auf derselben Strecke zurück. Alleine. Oder eben in der Gruppe 170 Kilometer mit der Aussicht, das Ding zu Ende zu fahren. Also gut. Dann steige ich eben doch nicht aus. Immerhin hört der Regen auf. Meistens. Dafür bläst uns jetzt ein eisiger Gegenwind ins Gesicht. Die Klamotten sind durchnässt, Finger und Zehen wie Eiszapfen.

Frostige Atmosphäre bei frostigen Temperaturen

270 Kilometer, 4500 Höhenmeter: Chefredakteur Jens Vögele kämpft auf den Anstiegen von Lüttich-Bastogne-Lüttich.Foto: Sportograf

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Rund 7500 Teilnehmer sind an diesem Wintertag mitten im Frühling am Start, rund ein Drittel davon nimmt die Langstrecke unter die Räder und fährt exakt auf derselben Route wie die Profis tags darauf (bei Sonnenschein). Warum man sich das antut? Das fragt sich wahrscheinlich so mancher der Unentwegten an diesem Tag. Die Strecke wäre auch bei Sonnenschein schon hart genug. Aber so ...

Die Atmosphäre im Teilnehmerfeld ist dem Wetter angepasst eher frostig. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, zumindest während der ersten Hälfte der Strecke. Später wird es besser. Die Straßen trocknen, es wird ein bisschen wärmer. Oder besser gesagt: weniger kalt. Und die Strecke kriegt so langsam Frühjahrsklassiker-Charakter.

Fritten als Wettkampfverpflegung

Nicht ganz optimale Wettkampfnahrung: Belgische Fritten.Foto: Jens Vögele

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Zwar ging es bislang auch ständig bergauf und bergab. Aber in der zweiten Hälfte wurde es heftig. Verdammt heftig sogar. Insgesamt neun Côtes, neun teilweise lange, teilweise aber unglaublich steile Anstiege reihen sich auf der Strecke aneinander, die Abstände dazwischen werden immer kleiner, je näher man ans Ziel kommt. 90 Kilometer vor dem Ziel, bei der vorletzten Verpflegungsstation, kommt zum ersten Mal an diesem Tag für kurze Zeit die Sonne raus. Und vor der Friterie Chantal direkt neben Energiedrinks und Müsliriegel steht eine kurze Schlange von Rennradfahrern. Hätte ich Geld mitgenommen, ich wäre bestimmt auch angestanden ...

Wahrscheinlich ging's ohne die Fritten den Côte de la Redoute, der drittletzte Anstieg und Stimmungshochburg beim Profirennen, ein bisschen besser hoch. 50 Kilometer noch bis ins Ziel. In Lüttich schließlich der letzte Anstieg durch ein Wohngebiet. Dann die unendlich lange Zielgerade, fies ansteigend. Wir pfeifen auf dem letzten Loch, während Valverde einen Tag später dort im absurden Tempo den Sprint anzieht. Aber die Profis hatten ja auch besseres Wetter als wir. Und 16 Kilometer weniger als wir. Und im Gegensatz zu uns auch keine Fritten. Während des Rennens oder eben danach.


Jens Vögele ist Chefredakteur von MOUNTAINBIKE, RoadBIKE und ElektroBIKE

Der Autor

Jens Vögele ist begeisterter Mountainbiker, Rennradfahrer und Journalist.

Er arbeitet seit 2003 für das MountainBIKE-Magazin und gehörte zu den Gründern von RoadBIKE (2006) sowie von ElektroBIKE (2011).

Er ist als Chefredakteur verantwortlich für die Magazine MountainBIKE, RoadBIKE und ElektroBIKE.



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