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Mitgefahren: Maratona Dles Dolomites

Pässe fahren in einer traumhaften Kulisse, zusammen mit 9000 anderen Rennradfahrern: Das ist der Maratona Dles Dolomites. RB-Redakeur Christian Brunker war dabei.

Wie eine riesige, schweigende und nicht enden wollende Prozession erklimmen tausende Rennradfahrer um mich herum den Passo Pordoi. Egal ob am Hang über mir oder weit unten im Tal: Überall zeugen bunte Flecken von den rund 9000 Startern, die sich der 31. Auflage des Maratona Dles Dolomites gestellt haben. Gesprochen wird nicht viel, alle um mich herum sind voll und ganz damit ausgelastet, den zweiten Pass des Tages zu bezwingen. Auch die am Passo Campolongo noch so fröhlich schnatternden drei amerikanischen Mädels neben mir haben die Gespräche eingestellt. Eine von ihnen ist angeblich als Guide 11 Monate im Jahr in Europa unterwegs. Allerdings knirscht ihr geschätzt knapp 9000 Euro teures Trek Madone trotz Dura Ace Di2 wie eine alte Kaffeemühle.

Man sollte ja meinen, vor so einem Event, das für die meisten der absolute Höhepunkt des Jahres ist, würde das Material aufs perfekteste gecheckt und eingestellt. Umso erschreckender, wie viele rasselnde Schaltungen und quietschende Pedale man hört. Mich würde so was über Stunden wahnsinnig machen. Und so kann ich mir auch ein „Oh mein Gott“, nicht verkneifen, als mich einer mit einem Cervélo S5 überholt, das bei jedem Wiegetritt klingt wie ein kaputter Joghurtbecher. Aber egal, muss ja jeder selbst wissen.

Viel teures Material unterwegs

Überhaupt das Material: Es ist beeindruckend, wie viele teure Räder unterwegs sind. Klar, Pinarello ist einer der Sponsoren des Maratona, aber so viele Dogmas auf einem Haufen bekommt man in Deutschland nie zu Gesicht. Unter 7000 Euro ist keins der Räder zu haben. Umso schöner, wenn man eins davon hinter sich lassen kann. Technisch ist mein deutlich günstigeres Canyon Ultimate CF SL nicht wirklich schwächer, und auch die von mir für den Dauertest montierte Campagnolo Potenza funktioniert reibungslos.

Immerhin lenken die Gedanken über das Material der anderen von der Kälte ab. Trotz Anfang Juli ist es heute nämlich richtig kalt, knapp 4° zeigt der Garmin Edge 520er vor dem Start um 5.45 Uhr an, und es ist bislang nicht wirklich wärmer geworden. Trotz warmem Unterhemd, Trikot, Windweste und darüber die Regenjacke zieht die Kälte auf jeder Abfahrt in den Körper, die Hände werden eisig. Und selbst an den Anstiegen wird es nicht wirklich wärmer. Immerhin hängen die Wolken so hoch, dass man etwas von der beeindruckenden Dolomiten-Kulisse erkennen kann und nach dem Start kommt sogar kurz die Sonne heraus. Doch sie gibt nur ein kurzes Gastspiel, nach einer knappen Stunde hat sie sich wieder hinter einer dicken Wolkendecke verzogen. Immerhin bleibt es trocken.

RB-Redakteur Christian Brunker mit Sir Bradley Wiggins

Treffen mit Bradley Wiggins

Oben auf dem Pordoi dann durch Zufall mein Tageshighlight: Ich will gerade wieder meine Regenjacke anziehen, als ich neben mir Bradley Wiggins entdecke, der ebenfalls hier wartet und sich jemandem aus seinem Team unterhält. Die Chance kann ich mir nicht entgehen lassen: Ich stelle mich vor, Grüße und bitte um ein Foto, dass der Sir auch freundlich zusagt. Das Ergebnis sehen Sie oben über dem Artikel (ich bitte den etwas dämlichen Gesichtsausdruck von mir zu entschuldigen). Nach gegenseitigen Wünschen für eine gute Weiterfahrt stürze ich mich in die Abfahrt.

Bei der ersten Zieldurchfahrt in Corvara bin ich kurz versucht, das Rennen schon zu beenden, kann aber dann doch wiederstehen. Nur rund 50 km wären dann doch zu wenig, zumal es mittlerweile ein paar Grad wärmer geworden ist. „100 km gehen immer“, denke ich mir und verspreche mir, dann auch wirklich nur die mittlere Runde zu fahren. Diese Wahlfreiheit unterwegs ist eine der absoluten Stärken des Maratona: Niemand muss sich vorher festlegen, welche Strecke er fahren will, sondern kann noch unterwegs auf seine Beine hören und entscheiden.

Stetiges Auf und Ab

Also geht es zum zweiten Mal den Campolongo hoch, und nach der Abfahrt nach Arabba warten die einzigen, etwas flacheren Kilometer mit nur einem leichteren Gefälle in Richtung Cernadoi. Ansonsten ist der Maratona – egal auf welcher Strecke – ein einziges Auf und Ab. Kaum ist eine Passhöhe erklommen, geht es steil in die Abfahrt und nach jeder Abfahrt geht es direkt wieder ordentlich bergauf zu nächsten Pass. Rollerpassagen sind absolute Fehlanzeige.

Kurz vor der Aufteilung zwischen mittlerer und langer Runde meldet sich dann doch wieder mein Teufelchen und drängt mich, doch auf die lange Runde abzubiegen. Das bedeutet zwar, zusätzlich zum Valparola noch den Passo Giau mit knapp 10% Steigung auf 10 km zu fahren, in Summe also noch 1000 Hm und knapp 30 km mehr. Aber, so meint das Teufelchen, auf den letzten Kilometern sei es ja ganz gut gerollt und die Beine entsprechend erholt. Und irgendwie kommt man ja immer rauf. Und nicht zuletzt könne man ja nur nach der langen Runde wirklich stolz sein. Aber nach einem kurzen Zucken widerstehe ich doch und schwenke direkt auf den Valparola ein. Nach wenigen Metern bergauf merke ich, wie richtig diese Entscheidung war. Mit dem Gedanken an den letzten Pass des Tages kurbele ich mit meiner 34-32er Übersetzung nach oben.

Feels like L'Alpe-Huez

Nach der Abfahrt dann das letzte Highlight des Tages: Die Fanzone an der Mur Dl Giat. Diese Mauer hat es wirklich in sich, sie ist zwar nur knapp 200 Meter lang, dafür aber bis zu 20% steil. Das ist nach 100 km mit 3000 Hm eine echte Herausforderung. Doch die Zuschauermassen an der Seite motivieren ungemein und schaffen ein leichtes L'Alpe-Huez-Feeling. Immerhin schaffe ich es, in den Pedalen zu bleiben und nicht absteigen zu müssen. Nach 5:39:00 erreiche ich dann das Ziel, und dem Teufelchen zum Trotz bin ich dennoch stolz auf meine Leistung. Zumal ich nachher von vielen anderen höre, dass sie ebenfalls wegen der Kälte abgekürzt haben. Naja, vielleicht ist es ja im nächsten Jahr wärmer, dann geht’s wieder auf die lange Runde.


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