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Test und Kaufberatung: 18 Kurbeln im Vergleich

Entdecke die Möglichkeiten

Standard, Dreifach oder Kompakt – welches Kurbelsystem ergibt am meisten Sinn und welche Kassette passt dazu? RoadBIKE hat 18 Kurbeln in Labor und Praxis getestet und die Antriebssysteme verglichen.

Früher war alles ganz einfach, zumindest bei den Rennradschaltungen. Eine richtige „Männerkurbel“ mit 53er- und 39er-Blättern sowie ein Ritzelpaket mit strammer Abstufung waren allen Rennern gemein - aber so ein Antrieb bringt nur Profis mit Anstand über die Berge.

Heute gibt es Übersetzungen, die genauer auf die Bedürfnisse von Rennradfahrern zugeschnitten sind – ob Hobbyradler oder Profi. Aber die Frage nach dem passenden Antrieb überfordert viele Rennradfahrer, denn zur Auswahl stehen mittlerweile drei Kurbelsysteme: Erstens die Standardkurbel mit 39 und 53 Zähnen. Zweitens kürzer übersetzte Kompaktkurbeln mit 50 und 34 oder 36 Zähnen. Schließlich Kurbeln mit drei Kettenblättern.

Kombinieren lassen sich mit allen drei Kurbeln Kassetten von sportlichen 11 bis 19 Zähnen bis hin zu angenehmen 13 bis 29 Zähnen – in der Summe eine unübersichtliche Vielfalt an Möglichkeiten, bei der manche verzweifeln. Dabei bedeutet dieses breite Angebot große Freiheit beim Antrieb. Egal ob Einsteiger, Tourenfahrer, Rennfahrer oder Alpinist, jeder kann die perfekte Abstufung der Gänge finden.

RoadBIKE hilft bei der Suche, erklärt Vor- und Nachteile der drei Kurbelsysteme und gibt Kauftipps für jeden Fahrertyp. Zudem hat RoadBIKE 18 Kurbeln in Labor und Praxis getestet – ein Testfeld, in dem jeder die perfekte Kurbel findet, nachdem er das passende Antriebssystem für sich gewählt hat. Aber welches genau ist das richtige?

Kurbeltypen: Auswahl bedeutet Freiheit

Als vor rund zehn Jahren Kurbeln mit drei Kettenblättern aus dem Mountainbike-Bereich Einzug bei den Rennrädern hielten, machten die Rennradfahrer ihrem konservativen Ruf zunächst alle Ehre: Die Mehrheit blieb bei der Standardkurbel. Ähnlich argwöhnisch wurde anfangs die Kompaktkurbel beäugt, die dank kleinerem 110-mm-Lochkreis ein 50er- und minimal ein 34er-Blatt beherbergt. Mittlerweile haben aber viele Rennradfahrer den Segen der Auswahl erkannt – und die Nachteile, die sich Hobbysportler mit Standardkurbeln definitiv einhandeln.

Die Standardkurbeln orientieren sich nämlich am Leistungsvermögen von Rennfahrern. Selbst das kleine Kettenblatt mit 39 Zähnen bedeutet einen Übersetzungsbereich, der auf Dauer am Berg Profi-Wattzahlen verlangt. Die überwältigende Mehrheit der Rennradbegeisterten ist aber an Anstiegen selbst bei der Übersetzung 39/25 (das bedeutet ein Übersetzungsverhältnis von 1:1,56) nicht in der Lage, die mindestens 75 Umdrehungen pro Minute zu treten, auf welche sich die Wissenschaft als Untergrenze für einen gelenk- und muskelschonenden Tritt geeinigt hat.

Anders sieht es bei Kompaktkurbeln aus. Kombiniert mit einem 27er-Ritzel bieten sie ein Übersetzungsverhältnis von immerhin 1:1,25 – deutlich, nämlich beinahe 25 Prozent, erträglicher. Für Shimano-Fahrer ist beim 27er-Ritzel allerdings Schluss, mehr Zähne bieten die Japaner nicht an, ihre Schaltwerke sind dafür nicht freigegeben. Sram-Kunden finden immerhin Kassetten mit 28er-Ritzel im Angebot der Amerikaner. Campagnolo bietet gar ein 29er-Ritzel an. Hier muss allerdings ein Campagnolo-Schaltwerk mit mittellangem Käfig montiert werden – die Ritzelpakete der italieni­schen Traditionsmarke sind allerdings nicht kompatibel zu Sram oder Shimano. Wer noch kleinere Übersetzungen will, kann eine Kompaktkurbel mit 34er-Kettenblatt auch mit einer Mountainbike-Kassette fahren, braucht dann aber auch ein MTB-Schaltwerk, das mit den Brems-/Schalthebeln kompatibel ist – und erhält so eine 1:1-Übersetzung.

Dreifachkurbel: Aller guten Dinge ...?

Shimano brachte einst mit der Dreifachkurbel für Rennradgruppen diese Möglichkeit auch ohne Anleihe aus dem MTB-Bereich in greifbare Nähe – mit Shimanos größtem erhältlichem 27er-Ritzel ergibt sich eine Übersetzung von nur 1:1,1. So lassen sich steile Anstiege erträglich meistern – ein Grund, warum passionierte und clevere Alpinisten vorn dreifach fahren.

Stilisten allerdings verwehren sich gegen dreifach, und auch technische Argumente sprechen gegen die Option auf drei Kettenblätter. Etwa das höhere Gewicht von rund 150 Gramm oder die um 1,5 Millimeter nach außen versetzte Kettenlinie. Zudem treten sich Dreifachkurbeln breiter, haben also einen höheren Q-Faktor (Abstand zwischen den beiden Außenkanten der Pedalgewinde).

Nicht unproblematisch ist auch die richtige Justage des speziellen dreifachtauglichen Umwerfers – Shimano weist im technischen Handbuch darauf hin, dass es bei gewissen Rahmenformen zu Schaltproblemen kommen kann –, bei Kurbeln mit zwei Blättern kaum ein Thema. Schließlich erfordert das dritte Kettenblatt selbst bei perfekt justierter Schaltung mehr Aufmerksamkeit beim Schalten, um einen Kettenschräglauf zu vermeiden. Einsteiger sind da oft überfordert. Folgerichtig erleben Kompaktkurbeln derzeit enormen Zulauf als sinnvoller Kompromiss. Sie funktionieren problemlos mit herkömmlichen Umwerfern, obwohl manche Hersteller auch spezielle Kompakt-Umwerfer anbieten. Außerdem erfordert „kompakt“ kein großes Mitdenken beim Schalten und erlaubt mit einem möglichst großen letzten Ritzel ordentliche Berg-Übersetzungen. Nur wirklich große Übersetzungen – für Hochgeschwindigkeitssprints oder Attacken bergab – klammert das 50er-Blatt aus.

Darum empfiehlt RoadBIKE nicht nur Einsteigern, sondern jedem Freizeitsportler diese Lösung. Nur wer rennorientiert in die Pedale tritt, braucht Standardkurbeln. Der Umstieg von Standard auf Kompakt ist technisch problemlos, allein die Kettenlänge muss angepasst, zudem der Umwerfer etwas tiefer montiert werden, damit er sauber über den etwas kleineren Blättern der Kompaktkurbel steht.

Der Umstieg auf Kompakt bringt neben einem leichteren Tritt zudem einen Nebeneffekt, der jeden freut: Das Rad wird leichter, bei Kurbeln des gleichen Modells um rund 50 Gramm. So ist der Umstieg auf eine neue Kurbel nicht nur funktionales und optisches Tuning, sondern speckt den Renner auch ab – wie ein Blick auf die von RoadBIKE gewogenen Kurbeln zeigt.

Bei den Top-Modellen liegen zwischen Campagnolos samt Lagerschalen nur 695 Gramm schwerer Record und Truvativs Noir satte 93 Gramm. Auch Shimanos Klassiker Dura-Ace rangiert 72 Gramm hinter Camapagnolos Leichtbauwunder. In der Mittelklasse liegt Shimanos neue Ultegra SL mit 802 Gramm Set-Gewicht vorn, hier haben sich die Japaner richtig ins Zeug gelegt und am Gewicht der Lager und Kettenblätter gefeilt.

Messwerte vergleichen

Aber auch Sram markiert mit der neuen Rival OCT, die dank spezieller Alu-Legierung leichter wurde, einen sehr guten Wert. Erfreulich bei allen genannten Modellen: Trotz des niedrigen Gewichts erreichen sie durchweg Steifigkeitswerte, die auch schweren Fahrern problemlos standhalten. RoadBIKE vermisst im Testlabor beide Kurbelarme separat, da die Antriebsseite konstruktionsbedingt bei jedem Modell steifer ist. Aber auch die schwächeren linken Arme liegen bei fast allen Kurbeln im Testfeld über 80 N/mm. Analog zu den Tretlagersteifigkeiten von Rahmen ist dies der Wert, der für jedes Fahrergewicht uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Signifikant unter dieser Grenze liegen die Modelle SL-K von FSA, Force von Sram und Fast Foot von Tune. Deren Steifigkeiten unter 70 N/mm bedeuten zwar für einen Fahrer um 75 Kilo noch keinen deutlichen Nachteil – eine vergleichsweise im selben Rahmen montierte, richtig steife Kurbel fühlt sich beim harten Antritt aber direkter an und trägt so ihren Teil zum Gefühl von sattem Vortrieb bei. Spannend wird sein, ob die Kurbel aus Srams neuer Red-Gruppe die Steifigkeitswerte der Force überbieten kann.

Allerdings ist die Kurbel noch nicht serienreif – genauso wie die neue Dura-Ace-Carbon-Kurbel von Shimano. Eine Sonderstellung im Testfeld nimmt Tunes Fast Foot ein. Die leichteste Kurbel im Test ist auch deutlich die weichste und deshalb nur für leichte Fahrer bis maximal 75 Kilo zu empfehlen.

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