Kommentar: Schutz für die Scheibe?!

Felix Böhlken, RoadBIKE
Foto: Jacqueline Bisset

Disc-Schutz für die Scheibenbremse. Das kann nicht ernst gemeint sein! Ein Kommentar von Felix Böhlken.

Tune bringt einen "Scheibenbremsenschutz" auf den Markt. Ist das wirklich ernst gemeint? Ich habe als erstes nach dem Datum der Pressemitteilung geschaut: 19. April. Leider kein April-Scherz!

Ich habe großen Respekt vor Tune – die Breisgauer Leichtbautüftler haben schon oft mit luftig-leichten Leichtbaulösungen für Aufsehen gesorgt und beleben die Radbranche. Aber da Tune tief im Mountainbike-Bereich verwurzelt ist, sollten sie es doch selber am besten wissen: Trotz zahlloser Stürze vor allem bei den Massenstarts von Cross-Country-Rennen ist keine signifikante Verletzungsgefahr durch die Silberlinge bekannt. Seit 15 Jahren fahren und stürzen die Biker mit Discs – seit 15 Jahren brauchen sie keine Schutzkappen für Bremsscheiben!

Auch im Rennrad-Profisport gibt es bisher keinen einzigen eindeutigen Beweis für eine Verletzung durch Scheibenbremsen! Sowohl bei der Verletzung von Movistar-Profi Francisco Ventoso, die in der Saison 2016 zum zwischenzeitlichen Verbot von Discs im Profi-Peloton führte, als auch bei dem aufgeschnittenen Schuh des Briten Owain Doull (Team Sky) vor wenigen Wochen gibt es keinen Beleg, dass eine Bremsscheibe dafür verantwortlich ist. Im Gegenteil: Die Vereinigung der Sportartikelhersteller WFSGI weist auf zwei ärztliche Gutachten hin, die nahelegen, dass Ventosos Verletzung mit höchster Wahrscheinlichkeit durch das große Kettenbaltt entstanden ist (siehe Report 1 und Report 2)

Zu Doulls aufgeschnittenem Schuh haben wir den Selbstversuch gemacht und in einem Video festgehalten (siehe unten). Ich konnte mit einer unter Vollast drehenden Disc keinen Schuh zerscheiden, und ich konnte problemlos die sich schnell drehende Scheibe durch Aufdrücken meines Daumens auf die Kante der Disc stoppen. Nach dieser Erfahrung behaupte ich: Eine herkömmliche Disc kann keine Verletzungen durch Schnitte verursachen. Der ISO-Standard 4210-2; 4.2 schreibt schon seit Jahren vor, dass Kanten von Disc-Rotoren nicht schneiden dürfen. Obendrein hat sich die Fahrradindustrie in Absprache mit UCI und den Fahrerorganisationen CPA und AIGCP darauf geeinigt, Rennrad-Discs noch sorgfältiger zu entgraten.

Ich kann die vorgeschobene Diskussion über das angebliche Verletzungsrisiko durch Bremsscheiben einfach nicht ernst nehmen. Wäre die Rennfahrervereinigung CPA, die öffentlichkeitswirksam Panikmache betreibt, wirklich um die Gesundheit der Fahrer besorgt, dann hätte sie längt ein Verbot von Kettenblättern und Carbon-Bauteilen verlangen müssen. Jeder weiß, wie leicht man sich an den scharfkantigen Zähnen des großen Kettenblatts verletzen kann. Jeder kennt die Fernsehbilder abgerissener Gabelschäfte oder zerbrochener Carbon-Felgen nach massiven Kollisionen - wo blieb da der Aufschrei?

Der von Tune präsentierte Schutz für Discs sieht sehr filigran aus, und er soll aus Carbon gefertigt werden. Ich befürchte, dieses Teil könnte bei einem Sturz tatsächlich zur Gefahr werden. Carbon bricht nicht einfach glatt, es splittert, und diese feinen Splitter in der Haut sind äußerst unangenehm und können wirklich heftige Verletzungen verursachen. Aber in dem Fall wäre dann sicher wieder die Scheibenbremse schuld, und nicht der völlig unnötig angebrachte Carbon-Schutz.

Ich diskutiere gern über Sinn oder Unsinn einer Scheibenbremse am Rennrad, über ihr Mehrgewicht und über die ästhetischen Aspekte. Doch die Diskussion über das angebliche Verletzungsrisiko durch Scheibenbremsen ist einfach nur unsachliche Panikmache. Und Schutzkappen für Disc-Rotoren lösen ein Problem, das gar nicht existiert.