Race Across the Alps 2018: Der Blog

RATA – Die Revanche

Race Across The Alps Marathon Blog
Foto: Jörg Klaus

Teil 5: Die letzten Vorbereitungen sind abgeschlossen und das Race Across the Alps (RATA) steht vor der Tür. Am Freitag sinnt RoadBIKE-Fotograf Christian Lampe auf Revanche beim härtesten Rennen seines Lebens: dem 540-Kilometer-Ritt über so legendäre Alpenpässe wie Stilfser Joch, Mortirolo oder Bernina. Zur Generalprobe gab es noch ein paar Klettereinlagen auf den Schauinsland im Schwarzwald – und einen maßgeschneiderten Sattel.

Immer wieder schwirrten mir diese Bilder durch den Kopf: Anstieg, Abfahrt, Anstieg, Abfahrt, bei Tag und bei Nacht, bei Sonne und Regen. Der unfassbar steile Passo del Mortirolo, der nicht enden wollende Berninapass, die Anstiege des Race across the Alps (RATA) 2012 verfolgten mich noch Monate nach dem Rennen in meinen Träumen.

Nach über 30 Stunden war damals am Ofenpass die Fahrt für mich zu Ende. Mit leerem Kopf und leeren Beinen saß ich neben meinem Rad auf dem Fahrbahnrand. So kurz und doch so unglaublich weit vom Ziel entfernt.

Unbedarft, aber mit einem großen Schatz an Erfahrungen in Bezug auf Langdistanz-Rennen, ging ich vor 6 Jahren im Rahmen einer Reportage für das RoadBIKE-Magazin an den Start. Die knappe und eigentlich unmissverständliche Ansage des Veranstalters, dass es sich um das „anerkannt härteste Eintagesrennen der Welt“ handele, nahm ich damals wohl nicht ernst genug.

Erst am Abend vor dem Start kamen leise Zweifel auf: Während des Fahrerbriefings wurde das Who is who der Langstreckenfahrer präsentiert. Sie alle hatten mindestens zwei Dinge gemeinsam: viel Erfahrung und ein großes Begleitteam, verteilt auf mindestens zwei Begleitfahrzeuge. Ich hatte nur einen Fotografen und einen Journalisten an meiner Seite, dafür eine ganze Batterie respekteinflößender Alpenpässe mit insgesamt schlappen 14 000 Höhenmetern vor mir.

Selbst die Gesäßcreme hatte ich daheim vergessen. Im Nachhinein frage ich mich tatsächlich, wie ich es unter diesen Voraussetzungen überhaupt bis fast hoch auf den vorletzten Pass geschafft habe.

Über Jahre nagte die Niederlage an mir, dann fasste ich endlich den Entschluss: Ich will ein Re-Match! Eine Chance auf Rehabilitation. Die Revanche beim RATA. Doch diesmal wird alles anders. Materialwahl, Begleitcrew, Ernährung, Training, Sitzposition – nichts will ich dem Zufall überlassen.

Teil 1: Fitnesscheck bei STAPS

Foto: Jörg Klaus

Den Auftakt zur Mission Widergutmachung stellt eine Fahrt nach Köln da – zu den Trainingsexperten von STAPS. Dort soll Sportwissenschaftler Niklas Lehnen mich durch die Leistungsdiagnose quälen und mir danach klipp und klar sagen, was auf dem Weg zur RATA-Ziellinie in Nauders zu tun ist. Mein erster Erfolg: ich darf meinen Namen jetzt in einem Atemzug mit Topstars wie Marcel Kittel oder Nils Politt nennen, die wie viele andere Profis mit STAPS zusammenarbeiten.

Dem super professionellen Eindruck, den das Institut und die Mitarbeiter auf mich machten, folgte bald eine wesentliche Erkenntnis: „Das wird heute richtig wehtun!“. Nicht nur, weil Niklas während des Leistungstest immer wieder frisches Blut aus meinem Ohrläppchen abzapfte, sondern auch, weil er mich auf dem Ergometer hart an die Schmerzgrenze trieb.
Erst durfte ich einmal aus dem Stillstand 15 Sekunden volle Lotte in die Pedale treten.

Anschließend rückte Niklas mir mit der gemeinen Körperfettzange zu Leibe. Als großes Finale stand schließlich der Stufentest auf dem Programm. Alle 30 Sekunden schraubte der Computer die Belastung um 25 Watt nach oben – bis an die Grenzen meines Körpers.

Diagnose: noch viel zu tun

Foto: Felix Krakow

Nach einer kurzen Dusche präsentierte mir Niklas das geradezu deprimierende Ergebnis: Egal ob Körperfettanteil, Sauerstoffaufnahme, Laktatabbau oder anaerobe Schwelle, fast alle Bereiche lagen mehr oder weniger satt im roten Bereich. Oder um es mit Niklas positiven Worte zu sagen: „Ich sehe da in praktisch überall noch viel Verbesserungspotential.“ Speziell die Laktatbildungsrate müsse ich senken, um den Kohlenhydratverbrauch zu optimieren. Zudem müssen ein paar Kilo von den Hüften, um die relative Sauerstoffaufnahme zu verbessern.

Insgesamt zeigte sich Niklas nicht unbedingt euphorisch, aber mit viel Disziplin in Training und Ernährung könnte die Revanche gelingen, meint er. „Auf jeden Fall hast du noch einiges vor dir, wenn du im Juni über die Berge fliegen willst“, lautet sein überaus motivierendes Fazit.

Genau deshalb geht es jetzt erstmal ins Trainingslager nach Mallorca. Und Ende Mai wartet dann ein Vorbereitungscamp in den Alpen – unter Führung von Pierre Bischoff, dem ersten deutschen Solo-Sieger des großen Race Across America. Wollen wir doch mal sehen, was aus dem alten Körper noch rauszuholen ist!

Und wie hat doch ein früherer Kollege es einst an ähnlicher Stelle so schön auf den Punkt gebracht: „Ein guter erster Schritt soll es ja sein, möglichst vielen Menschen von seinen Plänen zu erzählen, um den Druck zu erhöhen.“ Ich denke den Druck habe ich mit diesem Beitrag erfolgreich erhöht und würde mich freuen, wenn ihr den Blog weiter begleitet.

Bis bald und viele Grüße, Christian

Foto: Felix Krakow

Teil 2: Trainingslager - Viel hilft viel?

Foto: Felix Krakow

Es sind diese Momente, wenn eine gefühlte Einigkeit darüber herrscht, wie man den kommenden Anstieg gemeinsam fährt: ruhig und gemeinsam. Das Tempo steigt und steigt. Gesprochen wird weniger und weniger. Der Puig Major liegt vor uns und der Küstenklassiker schon fast hinter uns. Aber eben doch nur fast. Gegen Ende eines langen Tages können sich 14 Kilometer mit 860 Höhenmetern ziemlich ziehen.

Wir sind auf Mallorca. Endlich. Gefühlt startet das echte Training jetzt. Dieses Jahr sollen es zwei Wochen werden. Genug Zeit um viele verpasste Kilometer vom vergangenen Winter wiedergutzumachen. Wir sind im letzten Anstieg unserer Tour, dem Küstenklassiker quer durch das Tramuntana-Gebirge entlang der Küstenlinie. Bis hier hin ein Traum im GA2-Bereich. Plötzlich erinnere ich mich wieder an Niklas von STAPS und an die Leistungsdiagnose. Seine Worte in Bezug auf mein Verbesserungspotential hallen laut durch meinen Kopf. Mein Trainingspartner, der eigentlich nicht durch extreme Frühform in den vergangenen Jahren auffällig wurde, fährt vorne weg. Hinten habe ich Mühe Haltung zu bewahren. Die Erkenntnis: Da ist ein Unterschied zwischen Rolle fahren und Straße.

Ab auf die Finca

Die erste Woche vergeht wie im Flug und die Kilometer summieren sich erfreulich. Die morgendliche Kälte auf Mallorca weicht tagsüber idealen Trainingsbedingungen. Mein neuer, leichter Flitzer, ein Canyon Ultimate CF SL Disc 8.0 Aero, erweist sich als perfekter Begleiter. Falsches Material scheidet für das RATA 2018 also schon mal als Entschuldigung aus.

Die zweite Woche bricht an und ich beziehe gemeinsam mit sechs Radsport-Freunden eine Finca nahe Pollença. Mein Trainingspartner der ersten Woche ist abgereist und meine Hoffnung, die bis hierhin erlangte Form in der Gruppe zu verfestigen, ist groß. Leider spielt das Wetter nicht mehr mit. Regen und Sturm erschweren jeden zu fahrenden Kilometer. Die Annehmlichkeiten einer Finca und der mit San Miguel gut gefüllte Kühlschrank tun das ihre, um den Wochenschnitt in die Knie zu zwingen.

Abendessen mit einem Champion

Foto: Felix Krakow

Bleibt die Theorie. Was nützen all die gefahrenen Kilometer ohne das theoretische Grundgerüst. Schließlich hatte ich das 2012 als den Hauptschuldigen für mein Scheitern beim Race across the Alps ausgemacht. Falsche bis zu geringe Ernährung während des Rennens. Mangelnde Planung in Vorbereitung und Ausführung. Da kommt es wie gerufen, dass einer von uns Kontakt zu Pierre hat. Pierre Bischoff ist Guide bei Hürzeler Bicycle Holidays und noch viel mehr. Er ist ein echtes Ausnahmetalent im Langstreckenbereich. Die Liste seiner erfolgreichen Teilnahmen an solchen Events ist schon jetzt - mit nur 33 Jahren - beeindruckend. Diverse RATA-Teilnahmen und nicht zuletzt sein Sieg beim Race Across America 2016 machen ihn zum perfekten Gesprächspartner. Er besucht uns eines Abends mit Schokolade und einem Sixpack Radler bestückt zum Abendessen auf unserer Finca – und wir lauschen gebannt seinen Erzählungen.

Pierre geht erstaunlich gelassen mit seinen Leistungen und den dafür notwendigen Vorbereitungen um. Sein Auftreten hat so gar nichts mit dem verbissenen von seinen Vorhaben besessenen Radfahrer zu tun, den ich erwartet hatte. Entspannt und sehr hungrig von seiner Ausfahrt mit der „Hobbygruppe Lang“, erzählt er all die spannenden Dinge über seine Vorgehensweise während der langen Strecken. Wie er sich, anders als viele andere, Pausen gönnt und am Schluss davon profitiert. Wie er sich mit so einfacher Ernährung wie Müsli über die Distanzen rettet. Auf die ungläubigen Blicke aller, als er von den unglaublichen Eckdaten des Red Bull Trans Siberian Extreme erzählt, auf welches er sich im Moment vorbereitet, antwortet er nur: Das sind alles nur Zahlen. Nur Zahlen? Er spricht von an die 80.000 Höhenmetern und Einzeletappen von bis zu 1.400 Kilometer Länge. Am Ende lässt er uns mit dem guten Gefühl zurück, dass das alles gar nicht so schwer ist. Du musst halt nur wollen.

So gesehen wird RATA ein Spaziergang … denke ich. Um aber auch den letzten Zweifel zu beseitigen, melde ich mich noch während des Abends für Pierres Road Bike Camp Ende Mai in Nauders an. Er wird uns in vier Etappen Fahrtechnik und die Berge des RATA zeigen. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Hoffe das Watt/Kilogramm-Verhältnis hat sich bis dahin noch deutlich verändert.

Bis bald und viele Grüße, Christian

Teil 3: Bike Fitting bei GebioMized

So langsam wird es ernst. Noch gut vier Wochen sind es bis zur Stunde null. Bis zum Start des Race Across The Alps (RATA) mit seinen 540 Kilometern und 14 000 Höhenmeter. Bis dahin habe ich noch ein bisschen was zu tun, um die Fehler meiner nicht ganz so erfolgreichen RATA-Premiere vor sechs Jahren abzustellen.

Ein wesentlicher Schritt: die Optimierung meiner Position auf dem Rad. Nach mehr als zehn Stunden im Sattel begannen beim letzten Mal die echten Probleme mit Schmerzen so ziemlich überall im Körper. Und das brauche ich nicht nochmal. Deshalb wurde ich bei den Experten des gebioMized Concept-Labs in Köln vorstellig. Die gebioMized-Jungs arbeiten mit Topstars wie Marcel Kittel, John Degenkolb und Co. zusammen – da werden sie wohl auch einen Christian Lampe vernünftig aufs Rad setzen können.

Foto: Felix Krakow
Strampeln für eine bessere Position: voller Einsatz im gebioMized Concept-Lab Köln.

Tatsächlich hatten sie bei mir so einiges zu tun. Etwas höher und etwas weiter nach vorne haben sie mich gesetzt, zudem den Winkel des Sattels angepasst. In der Videoanalyse klar sichtbares und für mich auch spürbares Ergebnis: Ich sitze jetzt aufrechter, mit einem gestreckteren Rücken im Sattel. Das sollte helfen, um Rückenbeschwerden bei dem Ultraradmarathon einzudämmen. Zudem bekomme ich jetzt mehr Kraft auf die Pedale – sagen zumindest die Experten. Ob das stimmt, werden meine neuen Powertap-Pedale mit integriertem Leistungsmesser bald zeigen.

Foto: Felix Krakow
Klares Bild: Ich belaste meinen Hintern ziemlich asymmetrisch.

Am meisten beeindruckt während des Bikefittings hat mich aber die Visualisierung der Druckstellen am Sattel, also die Belastung auf meinen Hintern. Die Bilder sprechen eine sehr deutliche Sprache: ich belaste die rechte Seite überproportional stark. Es sieht aus, als würde ich komplett schief auf dem Rad sitzen. Durch die Anpassung der Sitzposition konnten wir das zwar etwas korrigieren, ganz abstellen ließ es sich aber nicht. Die Lösung soll jetzt ein eigens für mich maßgefertigter Sattel sein, der auf Basis der im Fitting ermittelten Messwerte im gebioMized-Headquarter in Münster gebaut wird. Ich bin sehr gespannt.

Ausprobieren möchte ich den neuen Sattel am liebsten schon am kommenden Wochenende. Dann plane ich ein sogenanntes Everesting. Das bedeutet ich muss mindestens 8848 Höhenmeter innerhalb von 24 Stunden absolvieren. Und zwar immer am gleichen Anstieg. Danach sollte ich nicht nur wissen was der Sattel bringt, sondern auch wie es um meine Form steht.

Egal wie das Ergebnis ausfällt, ich werde es euch wissen lassen. Versprochen.

Bis dahin Kette rechts, euer Christian

Teil 4: Das RATA in kleinen Häppchen

Langsam tauchen am Horizont die Berge auf. Ich denke an die Pässe, die ich bei meiner RATA-Premiere 2012 schmerzlich gespürt und dabei ob vorgerückter Stunde oder Erschöpfung teilweise nicht einmal gesehen hatte. Doch das soll sich in den nächsten Tagen ändern.

Vor mir liegen vier Tage Radfahren in den Alpen. Immer auf den Spuren des Race Across the Alps. Pierre Bischoff ist unser Herbergsvater und Guide für die kommenden Tage. Der Mann hat als erster Deutscher das legendäre Race Across America gewonnen. Auch das RATA hat er schon so manches Mal bestritten. Liegt ja auf der Hand: das Rennen startet im österreichischen Nauders, der Wahlheimat Bischoffs. Jetzt will er uns die schönen, harten Anstiege entlang der Strecke zeigen. „Uns“, das sind zwei Frauen und drei Jungs, fest entschlossen so viel Höhenmeter wie möglich in den Garmin zu brennen. Mein Almhof in Nauders ist unsere Bleibe. Das Hotel in dem Pierre arbeitet, wenn er nicht irgendwo auf der Welt unglaubliche Strecken auf dem Rad absolviert.

Gemeinsam bewohnen wir ein Apartment mit spektakulärem Blick in die nahen Berge. Dieser Blick wandert jedoch schnell auf die Waden und die für Ende Mai bereits erhebliche Bräune der anderen Teilnehmer. Irgendetwas stimmt mich, nennen wir es mal: nachdenklich. Ein erstes kurzes Kennenlernen der Gruppe verheißt mir nichts Gutes für die kommenden Tage.

RATA-Häppchen - Tag 1

Pierre ruft am Nachmittag zur ersten lockeren Aufwärmrunde. Von Nauders aus geht es über die Norbertshöhe in die Schweiz nach Graubünden. Das Tempo ist, meinen ersten Befürchtungen folgend, extrem hoch. Die Straße steigt kontinuierlich an und wir rasen das Unterengadin entlang bergauf. Langsam spüre ich, wie sich meine Gesichtsfarbe wohl verändert und ich muss unweigerlich an die Werbung mit den Graubündener Steinböcken denken: Teures Velo und ganz roter Grint ...

Als ich endlich am Scheitelpunkt im Dörfchen Ftan auf 1.650 Meter ankomme, sind die anderen schon dort. Meine Hoffnung sich bergab bei leichtem Gefälle zu erholen, vereitelt Pierre und drückt mit aller Macht Richtung Tal. Ergebnis der lockeren Nachmittagsrunde: 70 Kilometer, 1.200 Höhenmeter und die neuen, extra fürs RATA angeschafften Leistungsmesspedale von PowerTap haben einen neuen persönlichen Wattrekord ermittelt. Wohlgemerkt: auf der Aufwärmrunde! Mit Hilfe der Pedale will ich es im Rennen, zu früh zu viele Körner zu verpulvern. Die Maßgabe: Nicht mehr als 210 Watt treten.

Nach einer ausgiebigen Dusche treffen wir uns zum gemeinsamen Abendessen. Die Menükarte klingt vielversprechend. Mich interessiert jedoch viel mehr, wieso offensichtlich nur ich den Nachmittag anstrengend fand. Schon bei der Vorspeise wird schnell klar, mit wem ich mich hier in die Berge gesetzt habe. Da sind Anna und Sandro, die gerade zehn Wochen lang als Rennrad-Guides auf Mallorca hinter sich haben. Anna hatte sich zuvor bereits für die Ironman-WM auf Hawaii qualifiziert. Mit Luca sitzt ein 16-jähriger U19-Rennfahrer am Tisch, dessen Körpergewicht ungefähr 30.000 Gramm unter meinem liegen dürfte. Und bei Noemie aus Genf schließlich werde ich mich im Laufe der kommenden Tage noch fragen, ob sie überhaupt eine Leistungsgrenze hat. Den Nachtisch lasse ich aus.

RATA-Häppchen - Tag 2

Foto: Sandro Schierz

Nach einer sehr erholsamen Nacht treffen wir uns am nächsten Morgen zur Königsetappe vor dem Hotel. Pierre hat seine bewährte Crew aus Mutter und ihrer Zwillingsschwester für unser Radwochenende engagiert. Sie fahren uns zum Startpunkt der heutigen Etappe nach Taufers im Val Müstair. Niemand geringerer als der Umbrailpass steht als erster auf der Liste. Er markiert den letzten harten Anstieg des RATA. Entsprechend habe ich ihn 2012 nicht „erfahren“: Am vorgelagerten Ofenpass musste ich damals aussteigen.

Am Umbrail zeigt sich schnell, dass der Vortag nur ein leichter Vorgeschmack war. Die Auffahrt ist fantastisch, auch wenn die anderen schon wieder weit vorne sind. Kaum oben angekommen, jagen wir auf atemberaubender Abfahrt Richtung Bormio in Italien. In der Abfahrt kommen langsam die Erinnerungen an das RATA 2012 zurück. Unten angekommen geht es in den Anstieg zum Gaviapass auf über 2.600 Meter. Die Erinnerung wird nun deutlicher. Er ist anstrengend. Er ist sehr anstrengend.

Wieder allein, aber noch würdevoll erreiche ich die Passhöhe. Von dort aus geht es zum Mortirolo. Allein der Name ruft Bilder zurück ins Gedächtnis. Mitten in der Nacht saß ich damals während des Rennens auf der Straße, weil mich die Steigungen zum Absteigen gezwungen hatten. Doch heute am Tag und von der weniger steilen Seite, bezwinge ich auch diesen Pass. Die Rückfahrt ins Hotel fühlt sich gut an. RATA und der nächste Tag können kommen.

RATA-Häppchen - Tag 3

Foto: Sandro Schierz

Ich wache auf und habe nicht den Eindruck, dass heute ein guter Tag zum Radfahren ist. Die Beine sind schwer und die Nacht hat nicht wirklich zur Erholung beigetragen. Pierre und die anderen spiegeln meinen Eindruck leider nicht wieder. Haben diese Menschen eine Leistungsgrenze? Ich konnte sie bisher nicht einmal erahnen.

Auch heute sind wieder Pässe aus dem RATA-Portfolio im Programm. Von Zernez aus starten wir zum Flüelapass. Früh merke ich, dass der erste Eindruck am Morgen wohl doch der richtige war. Die Beine bleiben schwer und ich erreiche mit einiger Mühe die Passhöhe. Doch was nun auf dem Programm für heute steht beflügelt: der Albulapass. Sandro, immer noch nicht gekennzeichnet von den Höhenmetern, beschreibt ihn als einen der absolut schönsten Pässe der Alpen.

Während der Auffahrt gesellt sich Pierre zu mir und gibt mir weitere wertvolle Tipps für das Rennen Ende Juni. Er spürt wohl, dass ich das jetzt bitternötig habe. Die Auffahrt ist abwechslungsreich und landschaftlich unheimlich beeindruckend. Aber auch das kann mich nicht retten. Drei Kilometer vor der Passhöhe steht Pierres Mutter und die Ladeluke ist weit geöffnet. Ich steige ein.

Keine zwei Minuten später bereue ich es. Etwas geknickt treffe ich oben die anderen. Zu meiner Überraschung zeigen auch sie leichte Anzeichen von Anstrengung. Ich bin beruhigt. Wenig später fängt es an zu regnen und wir fahren im Auto zurück nach Nauders.

RATA-Häppchen - Tag 4

Foto: Sandro Schierz

Schon am Abend habe ich mich gegen das, vom Race across America-Sieger beschriebene Ausrollen am vierten Tag entschieden. Am Morgen sitzen wir zum letzten Mal zusammen am Frühstückstisch und ich erkenne echte Müdigkeit in den Gesichtern. Auch wenn ich müder bin, stimmt mich das etwas glücklich. Sie gehören doch zur selben Spezies.

Jetzt gilts! Euer Christian

Teil 5: Der letze Feinschliff

So. Jetzt wird es ernst. Am Donnerstag geht es auf die Reise nach Nauders, wo am Freitag um 13 Uhr der Startschuss zum Race Across the Alps fällt. Und ich muss gestehen: So ein bisschen geht mir schon die Düse. Reicht meine Vorbereitung der letzten Monate, um die hammerharte Prüfung über 540 Kilometer und 14.000 Höhenmeter innerhalb des Zeitlimits von 32 Stunden zu schaffen?

Ganz sicher bin ich nicht, der Respekt ist groß. Andererseits: mehr wäre als beruflich voll eingespannter Familienvater einfach nicht drin gewesen.
Klar, in der letzten Woche vor dem Event wird jetzt nicht mehr groß trainiert. Aber davor wollte ich nochmal einen besonderen Trainingsreiz setzen – und den Mount Everest bezwingen.

Naja, zumindest die 8848 Meter, die der Gigant im Himalaya hoch ist, wollte ich einfahren. Bei einem sogenannten Everesting, bei dem man ein und denselben Anstieg so oft hoch- und runterfahren muss, bis die 8848 Meter erreicht sind. Ultracycling-Weltmeister Pierre Bischoff hatte mir den Floh bei unserem Treffen während des Trainingslagers auf Mallorca im Frühjahr ins Ohr gesetzt.

Schauinsland wird zum Everest

Foto: Sandra Giacopelli

Doch da hätte ich vielleicht mal lieber nicht so genau hingehört. Denn erstens habe ich mir meinen geliebten Schauinsland bei Freiburg als Trainingsberg ruiniert. Zumindest für den Moment kann ich ihn einfach nicht mehr sehen. Und zweitens hat es nicht geklappt. Hauptgrund: Ich hatte verschlafen und die Mission daher zu spät in Angriff genommen. So kam ich am Ende nur auf 4750 Höhenmeter. War dann also eher ein Matterhorning als ein Everesting.

Trotzdem konnte ich noch einiges mitnehmen für den großen Tag in den Alpen. Zum Beispiel habe ich erfolgreich die Nahrung ausprobiert, mit der ich beim RATA die Energiespeicher auf Ladung halten will. Auch das ständige Auf- und ab hat ja RATA-Charakter, auch wenn die Anstiege dort natürlich deutlich länger sind.

Neuer Sitzkomfort dank Maßsattel

Foto: Felix Krakow
Beim Bikefitting erklärt mir Sportwissenschaftler Niklas Lehnen, worauf es bei der Wahl des richtigen Sattels ankommt.

Dem finalen Härtetest vor dem RATA konnte ich auch meinen neuen Sattel unterziehen. Nach dem Bikefitting im GebioMized Concept-Lab in Köln hatten die Experten mir empfohlen, auf einen speziell auf meine Anatomie zugeschnittenen Maßsattel umzusteigen. Grund: Bei der Druckmessung im Labor stellte sich heraus, dass ich mein Gesäß recht asymmetrisch belaste. Durch seine per Handarbeit in der Werkstatt in Münster entsprechend angepasste Form soll der Maßsattel genau das abstellen.

Foto: Sandra Giacopelli Race Across The Alps Marathon Blog Gebiomized Maß-Sattel

Ich kann nur sagen: bisher macht er dabei einen tollen Eindruck. Ich hoffe das bleibt so und mir bleiben die leidigen Gesäßprobleme in den Alpen erspart. Die haben bei meiner RATA-Premiere vor sechs Jahren nämlich ordentlich Körner gekostet.

Also. Ich packe dann jetzt mal meine sieben Sachen zusammen, sammle meine Support-Crew ein und mache mich auf den Weg. Wir melden uns dann am Freitag von der Startlinie in Nauders. Wer verfolgen möchte, wie es mir beim Ultraradmarathon durch die Alpen ergeht: auf der RoadBIKE-Facebookseite werden wir regelmäßig von meinen Qualen berichten: facebook.com/roadbike.magazin

Drückt mir die Daumen! Euer Christian