Test: 11 Allwetter-Reifen für Rennräder

Sicherheit und Komfort für den Rennradwinter

RoadBIKE Rennrad Allwetter-Reifentest
Foto: Benjamin Hahn

Split, Salz, Laub und Nässe: Die dunkle Jahreszeit stellt Rennradreifen vor ganz besondere Herausforderungen. RoadBIKE hat elf robuste Reifen getestet und zeigt, auf welchen Sie am besten rollen.

Hinweis: einen tagesaktuellen Preisvergleich zu den getesteten Rennradreifen finden Sie weiter unten auf dieser Seite.

Zitternd und frierend am Straßenrand stehen und mit kalten, klammen Fingern einen plattgefahrenen Reifen flicken – für viele Rennradfahrer eine Horror-Vorstellung. Um dem zu entgehen, lohnt es sich, im Herbst, Winter und Frühjahr, wenn das Wetter wechselhaft und nass ist und die Straßen oft verschmutzt sind, auf robustere Reifen umzurüsten. Wo durch Salz und Split Unheil droht, verschieben sich Prioritäten: Gewicht und Rollwiderstand dürfen gerne etwas höher ausfallen, wenn es dafür mehr Pannenschutz, Grip und Fahrsicherheit gibt.

Wer in der dunklen Jahreszeit nicht nur sporadisch auf dem Rennrad sitzt, fragt sich irgendwann: Welche robusten Reifen bietet der Markt, und wie schlagen sich die Modelle im direkten Vergleich? Wo liegen die Stärken und Schwächen einzelner Modelle? Kann sich ein Allwetterreifen sportlich-spritzig fahren und dennoch pannensicher sein? Immerhin beeinflusst die Wahl des Reifens maßgeblich die Charakteristik eines Rennrads – von träge bis nervös, von komfortabel bis bretthart.

Um all diese Fragen zu beantworten, hat RoadBIKE 14 Hersteller eingeladen, den am besten für schwierige Bedingungen geeigneten Rennradreifen zum Vergleichstest zu schicken. Klar, dass Klassiker wie Continentals Grand Prix 4-Season, Schwalbes Durano DD und der Paris–Roubaix von Challenge im Test nicht fehlen dürfen. Als Herausforderer treten Neuentwicklungen wie der Turbo Pro 28 von Specialized, der Pirelli PZero Velo 4S und Michelins Power All Season entgegen. Und interessante Alternativen abseits des Mainstreams, wie der AW3 Hard-Case Lite von Bontrager, der Re-Fuse von Maxxis, Panaracers D Race Evo 3, Vittorias Rubino Pro Endurance und Vredesteins Fortezza Senso Extreme Weather.

Kenda und Mavic verzichteten auf eine Teilnahme. Hutchinson sagte zwar zu, schaffte es aber bis Testbeginn nicht, Testmuster des neuen Fusion 5 All Season zu schicken.

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Im Winter breite Reifen

RoadBIKE orderte die Testreifen in 28 Millimetern Breite. Warum? Breite Reifen rollen leichter (vgl. RB 11/16) und können mit geringerem Luftdruck gefahren werden. Damit sind sie komfortabler und griffiger. In Verbindung mit dem satten Fahrgefühl und der größeren Auflagefläche vermitteln sie somit insbesondere bei Nässe mehr Sicherheit.

Breite Reifen am Rennrad: Der Trend ist nicht mehr ganz neu – und gerade im Winter eine sinnvolle Sache. Genug Platz für breite Pneus gibt es an Disc-Rennern ohnehin, und auch die jüngsten vorgestellten Komponentengruppen für Felgenbremsen – Shimanos Dura-Ace und Ultegra sowie Campagnolos Centaur – kommen explizit mit Bremskörpern, die auch breiten 28-Millimeter-Reifen Raum bieten.

Wer breite Reifen partout ablehnt – sei es aus optischen oder Gewichtsgründen –, oder einfach weil der Renner die Montage nicht zulässt, sei beruhigt: Außer dem Paris–Roubaix von Challenge sind alle getesteten Reifen auch in schmaleren Ausführungen erhältlich.

Gretchenfrage Reifengrip

Alle Modelle im Vergleich wurden intensiv auf Prüfständen und auf der Straße getestet (s. u. „So testet RoadBIKE“). Um den besonderen Ansprüchen an robuste Allwetter-/Winterreifen gerecht zu werden, weitete RoadBIKE die Pannenschutztests im Labor weiter aus: Neben den schon üblichen Stichtests durch die Lauffläche mit spitzen und stumpfen Nadeln sowie breiten Klingen, wurden diesmal auch die Flanken der Reifen malträtiert, um die Resistenz gegen Verletzungen von der Seite zu prüfen.

Zudem wurde die Gewichtung der einzelnen Testkriterien geändert: Der Pannenschutz floss mit 25 % in die Gesamtnote ein, das Gewicht der Reifen nur mit 20 % (entsprechend den Anforderungen und anders als bei den Top-Reifen, die insbesondere während der Hochsaison gefahren werden).

Die schwierigste Frage im Test bleibt, wie sich Kurvengrip seriös und reproduzierbar testen und bewerten lässt. Ein einheitlich normiertes Prüfverfahren, das auf einem Prüfstand und unabhängig von fahrerischem Können und äußeren Einflüssen aussagekräftige und praxisnahe Werte erfasst, existiert nach Aussage zahlreicher Hersteller nicht.

Die meisten von ihnen bevorzugen Fahrtests auf trockenen oder künstlich bewässerten Strecken – etwa Mavic und Pirelli. Michelin verwendet dabei ein E-Bike, um die Geschwindigkeit möglichst präzise erfassen und steuern zu können.

Auch RoadBIKE verließ sich auf das „Popometer“ erfahrener Tester und ermittelte über Fahr- und Bremstests auf trockenem und nassem Untergrund – Asphalt, Kopfsteinpflaster und fester Schotter – Erfahrungswerte, die in die Bewertung „Fahrverhalten“ einflossen. Auch ohne laborgenaue Messwerte ergibt sich so eine klare Orientierung, welche Reifen mehr und welche weniger Sicherheit vermitteln.

Klar ist aber auch, dass individuelles Fahrkönnen, Untergrund und Luftdruck den Grip eines Reifens maßgeblich beeinflussen.

Gratwanderung

Der RoadBIKE-Test zeigt, wie unterschiedlich die Hersteller die Herausforderung Allwetter-/Winterreifen interpretieren: Manche Reifen, allen voran die von Specialized und Pirelli, laufen sehr leicht, fahren sich sportlich und gefallen mit geringem Gewicht. Die Kehrseite der Medaille: Abstriche beim Pannenschutz. Das andere Extrem ist etwa Vittorias Rubino Pro Endurance, der mit deutlichem Mehrgewicht aufwartet, entsprechend träge wirkt und optisch einem Trekkingreifen näherkommt als einem Rennradpneu.

Die Gratwanderung für die Hersteller besteht also darin, einander widersprechende Anforderungen zu vereinen und einen sportlichen Charakter zu wahren: niedriger Rollwiderstand, aber guter Pannenschutz; geringes Gewicht, aber viel Grip; sicherer Sitz auf der Felge, aber leichte Montage …

Viele Hersteller schaffen es, in einer Kategorie Bestwerte zu liefern und schwächeln dafür in einer anderen. Die beste Gesamtperformance im Test lieferte der Durano DD von Schwalbe ab: Die Abstriche, die man beim Gewicht hinnehmen muss, sind angesichts der hervorragenden Pannenschutzwerte verschmerzbar, trotzdem rollt der Reifen leicht, vermittelt viel Fahrsicherheit und lässt sich gut montieren – Testsieg!

Im Vergleich dazu fährt sich Continentals Grand Prix 4-Season trotz geringerem Gewicht träger, liefert aber Bestwerte beim Pannenschutz und hält erfahrungsgemäß eine Ewigkeit. Ein starkes Comeback zeigt Pirelli: Nachdem die Italiener ein Vierteljahrhundert keine Rennradreifen mehr produziert haben, starten sie nun mit zunächst drei Modellen wieder durch. Und der PZero Velo 4S(eason) überzeugt auf Anhieb. Ob er allerdings für wirklich harte Wintereinsätze die richtige Wahl darstellt, ist fraglich: Zwar ist kein anderer Reifen im Test leichter und fährt sich wendiger, doch auf dem Prüfstand schwächelte er beim Pannenschutz – und bestätigt damit RB-Erfahrungen aus der täglichen Nutzung.

Ebenfalls sportlich präsentierte sich der nun auch in 28 Millimeter Breite verfügbare Turbo Pro von Specialized. Zum unschlagbaren Preis bietet er eine ausgewogene Performance und ist eine interessante Alternative für Sparfüchse.

Vor einem Rätsel standen die RoadBIKE-Tester angesichts des Power All Season von Michelin: Lag der große Bruder Power Competition im letzten Vergleichstest sehr satt, rund und griffig auf der Straße (vgl. auch RB 11/16), zeigte die Allwetter-Variante einen komplett anderen Charakter: kippelig und nervös verlangte er eine ruhige Hand am Lenker – und vermittelte auch in puncto Grip weniger Sicherheit als die Konkurrenz.

Viel Auf und Ab gab es bei den übrigen Kandidaten: Maxxis’ Re-Fuse erkauft sich guten Pannenschutz mit erhöhtem Rollwiderstand, bei dem Reifen von Challenge ist es genau umgekehrt. Vredesteins Reifen ist recht leicht, aber wenig pannensicher, und der großvolumige Panaracer überrascht mit seiner schmalen Auflagefläche.

Am unteren Ende der Skala rangieren Bontragers AW3 und der extrem schwere Vittoria-Reifen. Letzterer kann jedoch vor allem abseits glatten Asphalts eine gute Wahl sein. Letztlich entscheiden also auch hier der persönliche Geschmack und das bevorzugte Einsatzgebiet.

Testfazit kompakt

Ein buntes Testfeld mit sehr unterschiedlichen Stärken und Schwächen! Wer besonderen Wert auf Pannenschutz legt, fährt mit den Reifen von Conti, Schwalbe und Maxxis sehr gut. Sportlich-agil geben sich vor allem Pirelli, Specialized, Michelin und Vredestein. Laufruhe vermitteln Bontrager, Challenge und Panaracer. Und Vittoria verzeiht am ehesten Ausflüge auf Schotterpisten.

Der direkte Vergleich

Zunächst zum Rollwiderstand, den wir jeweils mit 6,5 Bar Druck gemessen haben.

Foto: RoadBIKE

Gewicht

Beim Rennrad zählt jedes Gramm zusätzliches Gewicht. Die getesteten Reifen liegen zwischen 245 und 451 Gramm. Da kommt bei zwei Reifen schon ein ordentlicher Unterschied zusammen.

Foto: RoadBIKE

Durchstich-Festigkeit

Wie viel Nagel hält ein Reifen aus? Eine absolut sicherheitsrelevante Frage. Unser Test zeigt, bei wie viel Newton ein Reifen dem Druck der Nadel nachgibt.

Foto: RoadBIKE

Durchstich-Festigkeit bei Kanten

Auch scharfe Kanten können Rennradreifen gefährlich werden. Hier zeigen die getesteten Reifen sehr deutliche Unterschiede. Die erste Tabelle zeigt die Widerstandskraft der Laufflächen.

Foto: RoadBIKE

Durchstich-Festigkeit bei Kanten

Die zweite Messung zeigt, wie viel Kraft einer scharfen Kante ein Reifen an der Seitenwand aushält.

Foto: RoadBIKE

Platzfrage

Welche Felgenbremskörper bieten offiziell genug Platz für 28 Millimeter breite Reifen? Die Tabelle gibt Auskunft.

Foto: RoadBIKE

Wie viel Druck?

Foto: RoadBIKE

Welcher Reifendruck für welches Fahrergewicht? Die Antwort hängt von mehreren Faktoren ab: Einsatzzweck, Ausrüstung, Vorlieben. Eine Orientierung bieten diese Tabellen und die Faustformel: „Je nach Untergrund ein halbes Bar mehr oder weniger.“

Foto: RoadBIKE
Foto: RoadBIKE
Foto: RoadBIKE

Tagesaktueller Preisvergleich zu den getesteten Rennradreifen (soweit Angebote bei unseren Partnershops vorhanden sind)


So testet RoadBIKE

Labor und Praxis – RoadBIKE betreibt großen Aufwand, um aussagekräftige und praxisnahe Ergebnisse zu erhalten.

Die Prüfstandsmessungen: wurden unter Aufsicht von RoadBIKE in den Labors von Continental und Schwalbe vorgenommen. Die Werte der Prüfreihen wurden gemittelt.

Rollwiderstand: An den Prüfständen dreht sich eine Trommel konstant mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h. Um Verfälschungen durch Erwärmung zu verhindern, läuft der Prüfstand zwei Stunden, bevor mit den Tests begonnen wird. Mit einer Aufhängung wird ein Laufrad mit aufgezogenem Testreifen auf die Trommel angepresst. Das Gewicht der Anpressung beträgt gleichbleibend 50 kg. Die Testreifen werden immer auf dasselbe Laufrad mit demselben Standardschlauch aufgezogen, die Luftdrücke sind identisch. Der Test zeigt, wie viel Mehrleistung (in Watt) notwendig ist, um die Trommel trotz angepresstem Reifen konstant mit 30 km/h zu bewegen. Je weniger, desto besser.

Durchstich: Die Reifen werden ohne Schläuche auf Prüfständen eingespannt und durchstoßen: mit spitz und stumpf zulaufenden 1,5 Millimeter breiten Nadeln durch die Lauffläche und mit einer fünf Millimeter breiten Klinge durch Lauffläche und Seitenwand. Je größer die notwendige Kraft zum Durchstoßen (in Newton), desto besser. Die verrechneten Rankings aus allen Prüfreihen ergeben die Bewertung in der Kategorie Pannenschutz.

Gewicht: Von jedem Modell wurden je vier Reifen gewogen. Die Werte wurden gemittelt, dann bewertet.

Montage: Da erhebliche Unterschiede bestehen, wie leicht oder schwer sich ein Reifen aufziehen lässt, fließt dieser alltagsrelevante Aspekt in die Bewertung mit ein.

Fahrverhalten: Zum RoadBIKE-Testinventar gehören vier Paar Laufräder, die RoadBIKE-Werkstattchef Haider Knall mit identischen Naben, Felgen, Speichen und Nippeln aufgebaut hat. Dadurch ist ausgeschlossen, dass ein Fahreindruck auf einen anderen Laufradsatz zurückzuführen ist. Die Testreifen werden mit Standardschläuchen und identischem Luftdruck direkt hintereinander auf einem festgelegten Parcours gefahren. Dieser führt über steile Anstiege, schnelle Abfahrten, Rollerpassagen, Kopfsteinpflaster, Schotterpisten sowie enge und weite Kurven. Die Fahrer – allesamt erfahrene Testpiloten und Lizenzrennfahrer – dokumentieren ihre Eindrücke schriftlich und bewerten anschließend die Kandidaten. Kriterien sind die Straßenlage, das Handling, die Dämpfung, das Abrollverhalten sowie der Grip in Kurven und auf wechselndem Untergrund.

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